Der Flugplatz Großenhain – Meilensteine der Geschichte, Persönlichkeiten, das Sonderwaffenlager und militärische Kooperation
I. Einleitung
Der Flugplatz Großenhain, in der Nähe von Dresden und Meißen in Sachsen, gehört zu den ältesten und geschichtsträchtigsten Flugplätzen Deutschlands.
Über mehr als ein Jahrhundert diente er verschiedenen militärischen Mächten – vom deutschen Kaiserreich, über die Wehrmacht bis hin zu den sowjetischen Streitkräften der UdSSR im Kalten Krieg.
Besonders markant sind auch seine internationale Bedeutung durch Ausbildung ausländischer Piloten und das geheime Sonderwaffenlager der sowjetischen Streitkräfte auf dem Gelände.
II. Geschichtlicher Abriss
1. Frühphase und Erster Weltkrieg (1913–1918)
Der Flugplatz wurde 1913 als eine der ersten Fliegerstationen des Deutschen Reiches auf Initiative von Hauptmann von Minckwitz erbaut. Bereits 1914 landete das erste Militärflugzeug in Großenhain, kurz darauf folgte die Stationierung der 3. (Sächsischen) Fliegerkompanie. Der Flugplatz entwickelte sich rasch zu einem bedeutenden Ausbildungsstandort – u. a. für Flugzeugführer, Beobachter und Funker.
Oswald Boelcke, einer der Begründer der modernen Luftkampftaktik, soll hier zeitweise stationiert gewesen sein.
Der „Rote Baron“, Manfred Freiherr von Richthofen, erhielt hier eine Schulung.
Viele weitere berühmte Offiziere der Luftwaffe, wie z. B. Rudolf Berthold, Rudolf Windisch, Franz Büchner, Ernst Freiherr von Althaus, erhielten in Großenhain ihre Ausbildung oder waren hier tätig.
2. Zwischenkriegszeit und zivile Nutzung (1919–1933)
Nach dem Versailler Vertrag musste die militärische Nutzung eingestellt werden. Teile der Anlage dienten als Notlandeplatz oder wurden zivil genutzt, u. a. durch die Großenhainer Fliegervereinigung, die Flugtage organisierte und Gleitflugzeuge baute, sowie für sportliche und kulturelle Veranstaltungen.
Außerdem nutzte man einen Teil des Geländes für die Errichtung einer Papierfabrik.
3. Wiederaufbau und Nutzung durch die Wehrmacht (ab 1933)
Ab 1933 begann unter dem NS-Regime die geheime Remilitarisierung des Flugplatzes. Großenhain wurde zum Standort von Schulungsstaffeln und Transportverbänden. Ab 1936 war der Platz eng in die Luftwaffenstrukturen des Dritten Reiches eingebunden und diente Ausbildungs-, Erprobungs- und Kampfeinsätzen.
4. Zweiter Weltkrieg (1939–1945)
Während des Krieges war Großenhain Heimat mehrerer Staffeln, u. a. der Aufklärungsgruppe 11 und des Schlachtgeschwaders 102. Es fanden Ausbildungen, Testflüge (auch mit Strahltriebwerken) und Kampfeinsätze statt. Der Platz blieb bis kurz vor Kriegsende aktiv und wurde am 23./24. April 1945 kampflos von sowjetischen Truppen übernommen.
Hier landete die 9. Garde-Jagdfliegerdivision unter Kommandeur Gardeoberst Alexander Iwanowitsch Pokryschkin, dem einfalls- und erfolgreichsten russischen Schöpfer von Jagdfliegertaktiken im 2. Weltkrieg.
5. Sowjetische Nutzung (1945–1993)
Großenhain wurde eine der wichtigsten Luftwaffenbasen der sowjetischen Streitkräfte in der DDR. Die 105. Jagdbomberdivision der 16. Luftarmee war hier bis zum Abzug 1993 stationiert. Der Flugplatz wurde in ein streng abgeschirmtes Militärgelände und Sperrgebiet verwandelt und stetig ausgebaut, mit Infrastruktur wie Hangars, Sheltern, Bunkern, Flugabwehrsystemen und einer Garnison mit Verwaltungs-, Wohn-, Versorgungs- und Dienstleistungsgebäuden sowie Sport- und Freizeitanlagen.
Auf dem Flugplatzgelände waren verschiedene Jagdflugzeuge, z. B. vom Typ MiG (u.a. MiG-21 und MiG-23) der Gruppe der sowjetischen Streitkräfte in Deutschland stationiert.
Das Sonderwaffenlager Großenhain
Ein besonders sensibler Teil des Flugplatzes war das Sonderwaffenlager der sowjetischen Streitkräfte, in 2 Bunkern vom Typ GRANIT zwischen 1972 und 1974 erbaut, das bis zur Wende streng geheim war.
Das Lager war Teil des sowjetischen Nuklearwaffenarsenals auf DDR-Boden.
Offiziell existierte es nicht – es wurde erst nach der Wiedervereinigung durch westliche Inspektionen bekannt.
Hier sollen nukleare Luft-Boden-Raketen, sogenannte „Spezialmunition“, gelagert worden sein – vermutlich für sowjetische Jagdbomber des Typs MiG-23BN.
Das Lager bestand aus unterirdischen Bunkern, Sicherheitszonen und rund um die Uhr bewachtem Gelände.
Es wurde nach der Räumung und dem Abzug der sowjetischen Streitkräfte 1993 stillgelegt und später teilweise rückgebaut.
Die Existenz sowjetischer Atomwaffen in der DDR galt während des Kalten Krieges als brisantes Thema – in Großenhain wurde sie zur Realität.
6. Nach der Wende (ab 1990)
Mit dem endgültigen Abzug der sowjetischen Truppen 1993 aus Großenhain endete die militärische Nutzung des Platzes. Das gesamte Gelände des Flugplatzes wurde entmilitarisiert. Heute wird der Platz zivil genutzt, u.a. für Sportfliegerei, Veranstaltungen und als Gewerbegebiet. Lediglich einzelne Teile des alten militärischen Bereichs sind noch erhalten und dienen der historischen Aufarbeitung – als Zeitzeugen bzw. Museum.
Die beiden Bunker des ehemaligen Sonderwaffenlagers wurden unter Denkmalschutz gestellt, in privater Initiative aufwendig restauriert und in ein Museum verwandelt. Hier befindet sich seit 2007 die „Flugplatzausstellung Großenhain“ sowie die Clubstation des Ortsverbandes Großenhain des DARC.
Die Geschichte des Standortes bleibt bis heute ein bedeutendes Kapitel der Stadt Großenhain.
Zusammenfassung
Der Flugplatz Großenhain ist ein bedeutendes Zeugnis europäischer Militärgeschichte.
Er war Standort für:
• herausragende Persönlichkeiten der deutschen Fliegerei,
• internationale Ausbildung von Soldaten aus vielen Nationen,
• sowjetische Militärmacht in der DDR
• und Ort eines geheimen Nuklearwaffenlagers mitten in Sachsen.
Die Auseinandersetzung mit seiner Geschichte bleibt wichtig – auch im Hinblick auf die Rolle Großenhains im Kalten Krieg und die Geheimhaltungspolitik der damaligen Supermächte.
Von Anbeginn der Existenz des Flugplatzes gab es eine unmittelbare Nachbarschaft und mehr oder weniger starke Kooperation der Luftstreitkräfte zur Kaserne des Husarenregimentes, der Kasernierten Volkspolizei und der NVA der DDR.
III. Nationale Volksarmee (NVA) der DDR
Neben dem sowjetisch kontrollierten Flugplatz spielte in Großenhain auch die NVA eine bedeutende Rolle.
Hier befand sich ein wichtiger Ausbildungsstützpunkt für NVA-Techniker und ein Panzerregiment
Es wurden regelmäßig Koordinationsübungen zwischen sowjetischer Luftwaffe und NVA durchgeführt.
Die NVA unterhielt in unmittelbarer Nähe Infrastruktur für Kommunikation und Wartung.
IV. Ausbildung ausländischer Militärs
In der DDR wurden über Jahre auch Soldaten aus den sogenannten „sozialistischen Bruderländern“ ausgebildet, insbesondere aus Vietnam, Kuba, Angola, Syrien.
Teilweise erhielten diese auch in Großenhain technische Einweisungen, obwohl die Hauptflugausbildung eher in Bautzen oder Kamenz stattfand.
